Frankfurt-Marathon: Flucht vor dem Mann mit dem Luftballon

Das nächste mal lass‘ ich ihm die Luft raus! Wofür bekommt man schließlich die Sicherheitsnadeln vor dem Start eines Marathons? Ein mal pieksen und Peng! Der Luftballon des Zugläufers „3:29“ wird mich noch eine Weile in meinen Träumen verfolgen; war ich ihm doch tapfer davon gerannt und konnte ihm am Ende doch nicht ganz folgen. Über meine neue persönliche Bestzeit, gelaufen beim Frankfurt-Marathon am 30. Oktober 2011, von 3:36:51 h bin ich dennoch sehr glücklich. Natürlich hätte ich auch 7 Minuten schneller sein können, aber daran ist nur dieser blöde Luftballon schuld – nun ja – und der eigene Kopf…

Frankfurt Marathon 2012
Frankfurt Marathon 2011 – der Start mit Wilson Kipsang aus Kenia (2. Reihe, Mitte). Seine Pacemaker tragen keine Luftballons.

Den Frankfurt-Marathon habe ich zum ersten mal mitgemacht. Der Lauf ist eine Top-Empfehlung für jeden Marathon-Läufer. Egal ob du nun Wilson Kipsang heißt und am Ende dein Ziel (Weltrekord) noch etwas knapper verpasst als ich meins oder ob du deinen ersten Marathon laufen möchtest, es lohnt sich. In einem Zickzackkurs, der sich aktuell nur mit einer außer Kontrolle geratenen DAX-Kurve vergleichen lässt, geht es zunächst 13 Kilometer durch Downtown Mainhatten. und dann bis etwa Halbmarathon auf die andere Seite des Mains. Ein kleiner Abstecher nach Höchst, wo – Achtung Kalauer – so mancher Läufer sein Tiefst erlebt und dann über eine endlose Maaaaaaaiiiinzer Landstraße zurück. Blöderweise kommt man recht nah am Ziel wieder in die Innenstadt von Frankfurt, wo aber noch eine 6 Kilometer Brezel zu laufen ist bevor die 42,195 km fertig sind. Und wehe, wenn du hier den Luftballon aus den Augen verlierst…

Häng den Luftballon ab!

Die beiden drei-neunundzwanziger Zugläufer mit ihren Ballons haben mir echt zu Schaffen gemacht. Dazu muss ich kurz erklären, dass ich seit einiger Zeit in Wettkämpfen keine Uhr mehr mitnehme und versuche, Kilometerschilder zu ignorieren, Zeit und Entfernung einfach zu vergessen. Laufen nach Gefühl und bloß keine Rechenspiele im Kopf! An einen Zugläufer dranhängen mag ich mich nicht, weil die Läufertraube oft so dicht ist, dass man kaum noch Luft bekommt. Also, einzig sinnvolle Strategie für mich: Flucht nach vorn. Häng den Luftballon ab! Tatsächlich läuft es sich vor dem Pacemaker viel entspannter. 15 Kilometer lang ging diese Strategie so gut auf, dass ich konstant 4:50 min/km gelaufen bin.

Mein Zieleinlauf beim Frankfurt-Marathon
Mein Zieleinlauf beim Frankfurt-Marathon 2011

Dann der Schnürsenkel! Oh Mann, wieso hält der rechts nicht? Ich rechne mir das als besonders geistesgegenwärtig an, dass ich noch rechts ran gelaufen bin. Wer mitten auf der Strecke Schuhe zubindet, wird bei einem Massenlauf wie diesem unweigerlich spüren, was ein Dominoeffekt ist. Noch während ich den Doppelknoten setze, höre ich einen Zuschauer vom Luftballon ablesen: „Dai neunezwanch“. Auch wenn ich kein hessisch verstehe, ist mir sofort klar, die Flucht beginnt erneut. Das gelingt mir auch sehr gut. Schon nach wenigen Schritten bin ich wieder der Pacemaker, was allerdings auch doof ist, weil es sich anfühlt, als ziehst du zehntausend Läufer hinter dir her. Deshalb arbeite ich mich Läufer für Läufer weiter nach vorn. Wow – Überholen macht Spaß! Kurz vor dem Halbmarathon. Ich führe souverän. Kein Luftballon weit und breit.

Bei Kilometer 20 muss ich kurz in die Büsche. Hinweis: Es sind die einzigen unterwegs! Die gelben Ballons, die mir längst wie riesige grinsende Halloween-Kürbisse vorkommen, wippen erst an mir vorbei, als ich mich wieder einsortiert habe. Noch vor der 21,1 km-Matte bin ich wieder am Pulk vorbei. So läufst du jetzt weiter bis ins Ziel denke ich mir. Kilometer 25, 28, 30 bekomme ich bewusst mit. Hier in Höchst ist die weiteste Entfernung vom Ziel, gemessen an der Luftlinie, aber es sind schon zwei Drittel geschafft. Das finde ich beim  Frankfurt-Marathon sehr motivierend. Bis Kilometer 32 geht alles gut, doch nun kommt er endgültig, der berühmte Mann mit dem … Luftballon! Wahrscheinlich hat auch der Pacemaker vom Gequatsche seiner Follower genug gehabt und zieht an mir vorbei. Nur noch vier/fünf Läufer folgen dem einen jetzt. Dem anderen hat wahrscheinlich jemand den Ballon zerstochen oder ein Kind am Straßenrand hat so lange gebettelt, bis er ihn rausgerückt hat. Jedenfalls sehe ich auf der Mainzer Landstraße nur einen gelben Punkt immer kleiner werden…

Umschalten auf Plan B

In dieser Situation hilft mir sehr, dass ich seit meinem ersten Marathon 2006 etwas mehr Erfahrung und vor allem einen Plan B habe. Ich sage zu mir „Lauf einfach so locker wie möglich bis ins Ziel!“ Als mentale Killermaschinen überholen nun immer mehr schnellere Läufer aus den hinteren Startblöcken. Bei anderer Gelegenheit hätte ich das Geräusch der schnelleren Schritte mit einem heran brausenden ICE verglichen. Spätestens hier läuft jeder mal Gefahr auf Wandern umzuschalten. Gegenhalten kann ich nicht mehr mit den Beinen aber im Kopf: „Achte auf deine Lauftechnik! Dann wird es eine tolle Zeit, auch wenn halb 1 dann schon vorbei ist. Du läufst nicht gegen die anderen sondern nur für dich!“ Auf den letzten beiden Kilometern des Marathons bin ich sogar wieder der, der überholt und genieße den Zieleinlauf auf dem roten Teppich in der Frankfurter Festhalle.

Nach diesem Marathon habe ich dieses gute Gefühl: „Da geht noch was!“ Ich bin fast ein wenig erleichtert, dass ich die 3 Stunden und 30 Minuten noch nicht gepackt habe. Dafür hatte ich zuletzt zu große selbst gerissene Lücken im Trainingsplan. Die Sicherheit, dass ich mich langsam aber sicher weiter steigern kann, fühlt sich einfach gut an. Ich freue mich auf die nächste Flucht vor dem Mann mit dem Ballon.

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