Heimlich Triathlon ist unheimlich bescheuert

Als Triathlet bekommst du manchmal komischen Rat: „Sagen Sie niemals, dass Sie Triathlon machen!“, empfiehlt mir ein Personalberater vor einiger Zeit. Ich kann nicht erkennen, was einen Ausdauersportler derart verdächtig macht, dass er seine Leidenschaft verschweigen muss. Wobei Leiden ein falscher Wortstamm ist. Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht? Ich freue mich über deinen Kommentar.

Beim Triathlon in Altenkunstadt, Pfingsten 2013
Beim Triathlon in Altenkunstadt, Pfingsten 2013

Das Gespräch vor ein paar Jahren verläuft etwa so (müßig zu erklären, dass ich die Verlagsleitung in Moskau nicht bekommen habe):

Personalberater: „Ist das eine Pulsuhr?“

Ich (habe das billige Gummiteil versehentlich noch am Arm – eine schicksalhafte Fügung): „Ja, aber eine ganz einfache.“

Headhunter: „Sind Sie Läufer?“

Ich: „Ja, auch. Ich bin Triathlet.“

Stellenvermittler: „So richtig Ironman und so?“

Ich: „Noch nicht, aber ich bin dieses Jahr für den Ironman in Zürich angemeldet.“

Berufsprofi: „Wie weit ist das?“

Ich (hätte gern gesagt, nach Zürich sind es von mir etwa 800 Kilometer): „3.800 Meter Schwimmen, 180 Kilometer Rad und Marathon laufen.“

Talenteinkäufer: „Da muss man sicher viel trainieren.“

Ich: „Es geht so. Ich will mich ja nicht für die Weltmeisterschaft in Hawaii qualifizieren. Falls sie nach dem Zeitaufwand fragen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich im Training auf die besten Lösungen komme. Eine Stunde Laufen bringt mir oft mehr Klarheit als einen ganzen Tag über einem Problem zu brüten.“

Personalfilter: „Als Verlagsleiter werden Sie aber kaum Zeit dafür haben.“

Ich: „Warum nicht? Selbst Schwimmhallen haben ab halb 7 geöffnet. Sie glauben nicht, wie viel Energie einem das geben kann, morgens vor dem Frühstück zu trainieren.“

CV-Checker: „Warum machen Sie das? Suchen Sie die Grenzerfahrung?“

Ich: „Nein, Grenzerfahrung klingt irgendwie nach Borderline. Das habe ich nicht.“

Absolventenhascher: „Warum machen Sie es dann?“

Ich (habe mir diese Frage noch nie gestellt. Warum isst du Fettsack? Weil’s schmeckt, oder?): „Weil es mir Spaß macht. Sie werden das nicht glauben. Aber es gibt mir mehr zurück als es von mir abverlangt. Vielleicht ist es für diesen Moment im Ziel, dass du sagen kannst, ich habe es geschafft. Ich habe in den letzten Jahren meine Grenzen Stück für Stück verschoben. Musste aber nie darüber hinaus gehen. Das ist eine tolle Erfahrung. Sie können mir ja die Daumen drücken für Zürich in zwei Wochen.“

Einstellungsbevollmächtigter: „Sind Sie jemand, der sich gern Ziele setzt?“

Ich: „Ja, ohne Ziele kann man nichts erreichen. Deshalb passt Ausdauersport auch so gut zu mir.“

Wir sprechen nun ein wenig über meinen Medien-MBA, Russischkenntnisse, Kindheit und Jugend in der DDR. Einige dieser biografischen Umstände lassen mich Russen besser verstehen. Ich sage das auch so und dass ich Geduld und Ausdauer für eine wichtige Führungseigenschaft halte. Irgendwann kommt der sicher gut gemeinte Rat:

Karriereplaner: „Wenn Sie zu einem Personalgespräch eingeladen werden, sagen Sie niemals, dass Sie Triathlon machen!“

Ich: „Warum nicht?“

Berufemakler: „Das kommt bei Chefs nicht gut an. Sagen Sie besser nur, Sie machen etwas Sport. Schwimmen, Radfahren und ein wenig Laufen.“

Das hat mich sprachlos gemacht. Mist! Vergeigt. Warum muss man in solchen Gesprächen eine bescheuerte Rolle spielen? Ich trage diese Billiguhr jeden Tag. Sie ist ein Teil von mir. Der Sport auch. Ich empfinde es nicht einmal als etwas Besonderes. Eine Stunde Gespräch mit solchen Typen ist für mich anstrengender als ein Marathon. Und ich schwitze dabei mehr, was ohne Funktionsshirt sau doof ist.

Wir gehen dann sogar noch einen Kaffee trinken, gegenüber am Kurfürstendamm. Der Mann muss mir noch beweisen, dass ich nicht jede Pappnase im Medienbusiness kenne. Beim Name-Dropping kann ich nicht mithalten. Ich kenne Maik Petzold. Norman Stadler und Yvonne van Vlerken sind Facebookfreunde von mir. Dass ich den Job nicht bekommen werde, ist mir bereits klar. Vor dem Fahrstuhl höre ich diesen Satz: „Herr Priebe, Sie können einem ja Angst machen.“ Hallo? Erst auf der Heimfahrt mit der Regionalbahn, fällt mir die passende Erwiderung ein: „Und dann steigen Sie noch mit mir in einen Fahrstuhl?“

Hast du solche Erfahrungen auch gemacht? Ist Triathlon eine ernst zu nehmende Störung? Würde mich interessieren, denn ich kann nicht aus meiner Haut.

 

8 Kommentare auf “Heimlich Triathlon ist unheimlich bescheuert

  1. … genauso habe ich es auch erfahren, als Ultraläufer;-))) Oft müssen wir dieses Spiel spielen, aber nicht bei unserem Sport. Ich werde ab 2014 wieder Tri machen- die können mich mal ;-)))
    Ich mach mein Ding;-)))

    LG HUPSI

    • Danke für deine Nachricht! Ich glaube, die Welt wäre ein besserer Ort, wenn die Menschen anstelle von Meetings und Konferenzen einfach mal die Laufschuhe anziehen würden und gemeinsam losrennen. Übrigens erlebe ich auch das Gegenteil. Erst gestern kam ich mit einem Bankdirektor ins Gespräch weil wir beide Marathon laufen. Das war sehr entspannt und angenehmen. Ich weiß allerdings nicht, ob er der Bafin gesagt hat, dass er manchmal durch die Kannte rennt. 😉

  2. Naja, gibt es schon, verbissene Hobbysportler, die ihre Passion zum Hauptberuf machen und deren soziale Kompetenz verkümmert ist. In der Regel überwiegen aber die Vorteile für einen Arbeitgeber : Ausdauersportler sind verlässlich, belastbar, konsequent und Triathleten haben ein sehr gutes Zeitmanagement

  3. Ich vermute ja inzwischen eher, Personalberater zu sein bedarf einer ernsthaften Störung. Vermutlich kann man auch als triathlet alles werden. Außer eben Personaler. Die sind anders.

    • Hallo Tom! Deine Erfahrungen müssen um einiges schlimmer gewesen sein als meine. Wollen wir eine Selbsthilfegruppe gründen? #Twitterpersonalberaterrauftreff

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.